Liebe Freunde*,

Vielen Dank für die Einladung an IOGT International an eurem 120. Guttempler-Kongress teilzunehmen.

Mir ist es unglaublich wichtig euch nahe zu sein, zuzuhören in formalen Diskussionen und informelleren Gesprächen, und mit euch Freude und Sorgen zu teilen.

Für uns im International Vorstand und für unser Personal im internationalen Büro ist es von enormer Bedeutung zu verstehen was unsere Mitgliedsorganisationen bewegt, wo ihre Stärken und Schwächen liegen und in welche Richtung sie sich entwickeln.

IOGT wurde vor 165 Jahren geboren. In 1851 wurde eine Idee geboren, die noch 165 Jahre später floriert und vibriert und Menschen in aller Welt inspiriert. Es ist mir eine Ehre wieder bei euch zu sein in unserem Jubiläumsjahr, weil ihr und ich, IOGT in Deutschland und IOGT in der Welt, zusammen Sorge tragen für die Idee IOGT in der Gegenwart und Zukunft.

Unsere Verfassung legt fest, dass IOGT International für Frieden arbeitet, in dem wir Entwicklung und Menschenwürde fördern, und in dem wir Demokratie, Toleranz, Gleichheit und Gerechtigkeit stärken und verbreiten. Alkohol und andere Drogen sind Hindernisse für diese Ziele.

Aber wir können auf 129 Mitgliedsorganisationen in 55 Ländern zählen diese Hindernisse anzugehen und sich für unsere gemeinsamen Werte und Ziele einzusetzen.

Es sind Große Mitgliedsorganisationen mit tausenden von Mitgliedern, die Millionen von Menschen erreichen; und es sind kleinere Organisationen mit hunderten von Mitgliedern, die wunderbare Arbeit in den Gemeinschaften leisten. Ob groß oder klein, neu oder alt, in Afrika, Amerika, Asien oder Europa, ob Jugend-, Kinder-, oder Erwachsenenorganisationen – wir alle sind vereint im Streben nach den gleichen Zielen und im Engagement für die selben Werte. Wir alle sind vereint in unserem Einsatz für die Vision einer besseren Welt, die vor vielen, vielen Jahren konzipiert wurde.

Viele von Euch, liebe IOGT-Freunde, wissen, dass ich aus der Slowakei komme, wo mein IOGT-Leben auch begann. Später bin ich nach Schweden gezogen, wo mein IOGT-Leben noch mehr Fahrt aufnahm. Bereichert wird mein IOGT-Leben durch jede einzelne Begegnung mit anderen Mitgliedern und Mitgliedsorganisationen. Wie Rolf Hüllinghorst – von dem ich übrigens viel gelernt habe in den vier gemeinsamen Jahren im Vorstand von IOGT International – gestern so schön sagte: Ich bin nicht Mitglied bei IOGT. Ich bin IOGT. Und jeder von euch ist, wie Rolf und ich, IOGT. In diesem Jahr bin ich schon 92 Tage auf Reisen unterwegs gewesen, in Afrika, Amerika, und Europa – und mein Herz macht immer Sprünge wenn ich IOGT-Mitglieder treffe, deren Herzblut und Hingebung erlebe und wieder und wieder feststelle, dass IOGT so viele unterschiedliche und wunderschöne Bedeutungen hat.

Für einige bedeutet IOGT eine neue Chance im Leben; für andere Freundschaft und Gemeinschaft; für wieder andere bedeutet IOGT Fahrräder zu reparieren für diejenigen die Hilfe brauchen; für viele bedeutet IOGT Alkoholpolitik oder Arbeit mit Gefängnisinsassen, das organisieren von Sommerlagern, Seminaren oder Konzerten; und wieder andere mobilisieren Mitbürger um an Wahlen und Demonstrationen teilzunehmen. Unser IOGT-Dach ist gross. Das ist unsere Tradition und das ist unser Versprechen.

Liebe Freunde, vielleicht wisst ihr sogar, dass ich in den letzten Monaten in den USA war, in New York, dort wo IOGT herkommt. Von den USA aus, hat sich IOGT, unsere Werte, unsere Arbeitsweise und Organisationsform in die Welt verbreitet – mit vielen Millionen von Mitgliedern, die sich aus tiefstem Herzen für die Befreiung  der Menschen aus Armut und Alkoholschäden damals eingesetzt haben.

Ich bin sehr stolz auf unsere Geschichte, auch wenn wir manchmal die Frauen in ihr vergessen haben. Ich bin stolz auf unsere Geschichte und auf das Verständnis, dass unsere Vorfahren hatten – um Menschen zu inspirieren und eine Bewegung zu gründen, die sich für eine bessere Welt einsetzt. Sie haben damals Lösungen und Herangehensweisen gefunden, die funktionierten. Und sie haben Leben gerettet und zauberhafte Arbeitet geleistet.

Heute gibt es kein einziges IOGT-Mitglied mehr im Bundestaat New York. In den gesamten USA gibt es nicht mehr als 300 IOGT-Mitglieder, in einem Land mit mehr als 320 Millionen Einwohnern! Niemand kennt IOGT in den USA heute. Und was ich noch trauriger finde: heute hat IOGT kaum positive Einfluss auf das Leben der Menschen in den USA.

Wie in Deutschland, so wird IOGT auch in den USA dringend benötigt.

  • Kinder aus suchtbelasteten Familien brauchen IOGT;
  • Frauen, die sich alkohol-bedingter Gewalt ausgesetzt sehen, brauchen IOGT;
  • Suchterkrankte brauchen IOGT;
  • all jene, die sich am alkohol-freien Leben erfreuen wollen, brauchen IOGT;
  • Politiker brauchen IOGT, um sich dem Druck der Alkoholindustrie widersetzen zu können.

Wiebke Schneider hat es heute Morgen deutlich gesagt: die Alkoholprobleme in Deutschland sind so gross, dass IOGT sie nicht alleine lösen kann und will. Viele Kräfte werden gebraucht. Aber eben auch starke IOGT-Organisationen, den unsere Arbeit und Werte stehen für eine bessere Welt.

Wir werden gebraucht. Ihr werdet gebraucht liebe Freunde! Und wir sind willkommen! Wann immer ich mit Politikern über unsere Arbeit spreche, treffe ich auf Wertschätzung und Respekt. Wir haben viel zu bieten – dank des Pluralismus in unserer Mitgliedschaft. Und viele Gesprächspartner wollen mehr lernen von uns und wollen mit unseren Mitgliedern zusammenarbeiten.

Einige sind beindruckt von unserer innovativen Präventionsarbeit. IOGT ist Prävention.

Einige sind angetan von unserer politischen Arbeit mit den Vereinten Nationen. IOGT ist Alkohol- und Drogenpolitik.

Einige bewundern unseren Mut sich der mächtigen Alkoholindustrie entgegenzustellen. IOGT ist David gegen Goliath – und ihr wisst wer am Ende gewann.

Einige sind inspiriert von unserem alkoholfreien Lebensstil. IOGT ist Lebensstil.

Und einige schätzen unsere Rehabilitations- und soziale Arbeit. Wenn ich darüber spreche, seid ihr, die Guttempler, immer eines meiner besten Beispiele, dass ich stolz präsentiere. Ich bin stolz auf eure Arbeit und ich finde, ihr könnt stolz auf euch sein. Und für mich ist es wichtig, das die Präsidenten von IOGT International, die nach mir kommen werden, auch mit Stolz über eure Arbeit bei Treffen in aller Welt erzählen können. Nicht zu eurer Arbeit in der Vergangenheit; sondern zu eurer Arbeit in der Zukunft über die ihr an diesen Tagen so leidenschaftlich debattiert.

IOGT International braucht euch, jedes Mitglied, jede Gemeinschaft, jeden Landesverband. Wir brauchen eine starke IOGT Bewegung in Deutschland, wo die Alkoholindustrie so stark ist und wo die Alkoholprobleme so gross sind.

Und die Menschen in Deutschland verdienen eine Chance von IOGT zu hören, Mitglied zu werden und den Zauber zu erleben, den jeder von euch – wie Rolf, Wiebke, Petra oder ich – für sich selbst erlebt hat und erleben.

Ihr werdet gebraucht in diesem Land, für die Suchtselbsthilfe. Und ihr werdet gebraucht in einem Deutschland, in dem sich Angst und Wut, Fremdenhass und Intoleranz wieder stark schreien.

Wir brauchen ein starkes, wachsendes, vibrierendes, inspirierendes IOGT, dass für Freiheit, Demokratie, Menschenwürde und Wohlergehen eintritt. Und wir vom internationalen Dachverband stehen an eurer Seite – mit Rat und Tat, wann immer gewünscht.

Meiner Meinung nach gibt es zwei Hindernisse für das Erreichen unserer Vision. Das eine ist fehlender Zusammenhalt intern in unserer Bewegung – das erstickt Freiheit, Kreativität und Eigenverantwortung. Das andere Hindernis ist die zunehmende Macht der Alkoholindustrie.

Die Alkoholindustrie verdient sich dumm und dämlich in Ländern wie Deutschland und die multinationalen Unternehmen streben jetzt in neue Märkte vor allem in den Entwicklungsländern, aber nicht mal die Kinder und Jugendlichen dieser Welt sind geschützt vor den aggressiven Methoden der Alkoholindustrie – sie verdienen an Sucht. Wir zusammen müssen dieser Entwicklung entgegentreten, in Deutschland und der Welt.

Wir zusammen müssen Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts finden. Wir zusammen müssen in der Lage sein viele, viele Menschen zu erreichen, um eine bessere Welt zu bauen. Das können wir schaffen.

Aber wir können es nur schaffen, wenn wir einander vertrauen, wenn wir zusammen arbeiten, wenn wir viele sind und wenn wir uns zugänglich machen und offen zeigen für Ideen und Anforderungen im 21. Jahrhundert.

Ich weiss, dass ihr das merkt: ich fühle mich unserer stolzen Geschichte verpflichtet und bin inspiriert von all den IOGT-Visionären, deren Arbeit Menschenleben gerettet und Gesellschaften vorangebracht hat.

Über 165 Jahre hat IOGT es bisher immer vermocht sich anzupassen an die neue Zeit, sich zu öffnen für neue Gegebenheiten. Und wir haben uns dabei nie selbst verraten und unsere Werte und Vision über Bord geworfen. Das gibt mir Hoffnung für die nächsten Jahren.

In diesem Sinne, liebe Freunde, wünsche ich uns einen wunderschönen Abend, und euch wünsche ich fruchtbare Diskussionen und kluge, weitsichtige Beschlüsse.

Vielen Dank!

END

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